Gemeinde der Barbelo-Gnostiker



Heilig bist Du,

heilig bist Du,

heilig bist du,

Mutter der Äonen,

Barbelo,

von Ewigkeit zu Ewigkeit

Amen!



Sie wurde der Mutterschoß des Alls,

denn sie ist die, die vor ihnen allen ist,

der Mutter-Vater,

der erste Mensch,

der heilige Geist,

der dreifach-männliche,

der dreifach-kraftvolle,

der dreifach-benannte Mannweibliche

und der ewige Äon bei den Unsichtbaren

und das erste Herauskommen.




Die Gemeinde der Barbelo-Gnostiker feiert Barbelo als die Urmutter allen Seins, als göttliches Grundprinzip. Sie erkennt die Gottessohnschaft Jesu an, betont aber vor allem die Gottestochterschaft Marias, wie sie im Anna-Apokryphon überliefert ist. Anna als gemeinsame Mutter von Jesus und Maria ist die Emanation Barbelos in den Heiligen Schriften, Mittlerin zwischen dem Schöpferprinzip, dem Pleroma, den Archonten (den Kräften der Weltseele) und dem Diesseits. Wir verehren die Große Gottesmutter Anna – ähnlich wie Noreia, die jüngste Tochter Adams – als menschgewordenes göttliches Prinzip.

Neben den Schriften von Nag Hammadi, die in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts entdeckt worden sind, sind es vor allem die hermetischen, gnostischen Texte aus der Habakuk-Apokalypse und dem Anna-Apokryphon (die in Fragmenten überliefert sind), auf die wir unseren Glauben stützen.




Eine Schenkung von Dr. Hillel Rabinowitz (Jerusalem) im Jahr 1936 an den Gründer unserer Gemeinde, Ludwig Usener, brachte unsere Gemeinde in den Besitz eines wertvollen Papyrusfragmentes, das sogenannte Anna-Apokryphon, das für die Barbelo-Gnosis von zentraler Bedeutung ist. Es wurde im späten 2. bzw. frühen 3. Jahrhundert nach Christus verfasst und stammt sehr wahrscheinlich aus Ägypten. Das Fragment behandelt die Doppelmutterschaft Annas von Maria und Jesus.


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Ein zweites Fragment, ebenfalls aus dem Nahen Osten, das Teile der sogenannten Habakuk-Apokalypse enthielt, wurde in den Wirren des Zweiten Weltkriegs zertstört. Der Papyrus war in syrischer Sprache verfaßt und stammte aus dem 4. Jahrhundert nach Christus. Dieser Text gibt Auskunft über den Ursprung des Bösen und stellt neben den sethianischen Büchern von Nag Hammadi und dem Anna-Apokryphon die zentralen Quellen unserers Glaubens dar.


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Zur Geschichte der Barbelo-Gnosis

Die historischen Wurzeln der Barbelo-Gnosis gehen auf die Anfänge der Gnosis zurück. Um Christi Geburt sind Gemeinden in Ägypten und Syrien bezeugt, die die Große Mutter Barbelo verehrten und in ihren Zusammenkünften heiligten. Doch ihre eigentlichen Ursprünge sind so alt wie die Menschheit. Kulte der Großen Mutter sind archäologisch belegt seit etwa 25.000 vor Christus; es gibt Anzeichen dafür, dass schon die Neandertaler die Große Mutter verehrt haben. Barbeliten wurden unter den römischen Kaisern verfolgt wie die Christen auch. Nachdem es zur Staatsreligion erhoben war, versuchte das Christentum, insbesondere seine dogmatischen Vertreter wie Bischof Epiphanius von Salamis oder Hippolyt von Rom, das Ansehen dieser Gemeinden zu diskreditieren. Man behauptete etwa, die Barbelo-Gnostiker (und andere Gemeinden auch, die man „die Schmutzigen“ nannte) verzehrten Kinder und äßen Exkremente. In zunehmendem Maße wurden die Gnostiker als Ketzer verfolgt und ihre Schriften als häretische Irrlehren von der Amtskirche verdammt. In den dunklen Jahrhunderten des Mittelalters verlieren sich dann allmählich ihre Spuren im Westen.

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Ludwig Usener und die gnostische Bewegung

Ludwig Usener (1884-1951) stammte aus einer Offiziersfamilie aus Stralsund. Er ist ein entfernter Verwandter des Religionswissenschaftlers Hermann Usener. Nach seinem Abitur studierte er Orientalische Sprachen und Alte Geschichte in Breslau und München. Zu seinen Lehrern gehörte Ulrich Wilcken, der ihn mit der noch jungen Papyruswissenschaft vertraut machte. Nach seinem Studium zog es Usener in den Nahen Osten. Auf seinen ausgedehnten Reisen kam er in Kontakt mit altgnostischem Schrifttum und Vertretern der gnostischen Lehre. Insbesondere die Freundschaft zu Hillel Rabinowitz, einem jüdischen Gelehrten in Jerusalem, eröffnete ihm den Zugang zur uralten Lehre von der Urmutter. Ein Papyrusfragment, das von Usener als Teil des „Anna-Apokryphons“ bestimmt wurde, sollte den Grundstein legen für Useners Hinwendung zum Barbelo-Gnostizismus, was schließlich im Jahre 1937 in Kairo in die Gründung der „Gemeinde der Barbelo-Gnostiker“ mündete. Usener war davon überzeugt, dass in den vergangenen zweitausend Jahren die uralte Lehre von der Macht der Großen Mutter verschüttet war. Seine intensiven Berührungen mit den gnostischen Texten und den versprengt wirkenden gnostischen Gelehrten des Nahen Ostens ließen in ihm das Bedürfnis wachsen, der Großen Mutter Barbelo aufs Neue zu dienen, ihr Andenken zu fördern und einen Kult der Barbelo, fußend auf uralter Überlieferung, neu ins Leben zu rufen. In einem Traum im Frühjahr 1934 erschien ihm eine Frauengestalt (Usener deutete sie als Barbelo selbst bzw. ihre Emanation Noreia/Anna) und riet ihm zur Schaffung einer kleinen Gemeinde.

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Die Gemeinde der Barbelo-Gnostiker

Die Gemeinde um Usener und Rabinowitz wuchs in den ersten Jahren auf mehrere Dutzend Mitglieder an. Doch der beginnende Zweite Weltkrieg und finanzielle Schwierigkeiten machte eine Verlegung des Hauptsitzes von Kairo immer zwingender. Auf einer Reise nach London, die ihn über Berlin führte, fielen wertvolle Dokumente wie etwa das Fragment der Habakuk-Apokalypse einem Bombenangriff zum Opfer. Nach dem Ende des Krieges verlegte Usener, bereits schwer krank und von den Folgen des Bombenangriffes gezeichnet, das Gemeindehaus in einen Vorort von London. Ludwig Usener, der stets an Quell an Inspiration, Weisheit und Gelehrsamkeit gewesen war, starb im Dezember 1951 im Alter von 67 Jahren. Zu seinen letzten Gästen in London gehörte kein Geringerer als Carl Gustav Jung, der kurze Zeit später einen Band der Nag-Hammadi-Schriften besitzen sollte. Useners Nachfolger, Paul Glockner, lenkte die Geschicke der kleinen gnostischen Gemeinde bis ins Schicksalsjahr 1964, als durch eine Schenkung eine Villa im Berliner Stadtteil Dahlem bezogen werden konnte. Glockner ist eine kritische Ausgabe des Anna-Apokryphons zu verdanken sowie die Inbezugnahme der 1945 entdeckten Nag-Hammadi-Schriften, die zentrale Texte der antiken Gnosis beinhalten.

Seit über vier Jahrzehnten bewahrt die Gemeinde von ihrem Zentrum in Berlin-Dahlem aus das Erbe des Barbelo-Gnostizismus. Die umfangreiche Bibliothek, die zum großen Teil aus dem Nachlaß von Ludwig Usener und Paul Glockner hervorgegangen ist und umfangreiches wissenschaftliches Quellenmaterial zur Barbelo-Gnosis versammelt, sowie das Abaton, unser Tempelraum, der das Anna-Apokryphon hütet, sind für viele Gläubige aus dem In- und Ausland zum Zentrum für gnostische Spiritualität im Glauben an die Große Mutter geworden.

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Ich bin das Abbild des unsichtbaren Geistes,

und durch mich nahm das All Abbild an

ich bin die Mutter und auch das Licht,

der unerreichbare Mutterschoß,

der unbegreifbare und unmeßbare Ruf.





Literatur:

Ludwig Usener, Mandäische Wurzeln im Südkabylischen. Diss. München 1911

Ludwig Usener, Barbelo-Noreia-Anna. Göttliche Dreiheit. Phokion-Verlag 1938.

Ludwig Usener, Barbelo-Gnosis – Der Urglaube der Menschheit. Exegesis-Verlag 1947.

Paul Glockner, Ludwig Usener. Sein Wirken für den neuzeitlichen Gnosis-Gedanken. Exegesis-Verlag 1956.

Paul Glockner, Das Anna-Apokryphon. Der Heilige Text der Barbelo-Gnosis im Lichte der Nag-Hammadi-Funde. Berlin 1967.

Elisabeth Krage (Hrsg.), Künder des Lichts. Zum einhundertsten Geburstag von Ludwig Usener. Exegesis-Verlag 1984.





Impressum

Gemeinde der Barbelo-Gnostiker

Carl-Heinrich-Becker-Weg 11a

14195 Berlin-Dahlem

barbelo-gnosis@gmx.de



Letzte Änderung: 26.07.2008